Vogt Die Erfindung des Lichttonfilms III f
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f) Die fotografischen Prozesse
Der das fotografische Bild tragende Film besteht aus einer dünnen Zelluloidfolie. Auf einer Seite ist dieselbe mit einer dünnen Gelatineschicht bedeckt, in welche sensibilisierte Silbersalze, z. B. Silberbromid, als Ionengitter eingelagert sind. Durch die Belichtung entsteht durch Eletronenübergang von der Bromionen zu den Silberionen ein "latentes Bild", in der anschließenden Entwicklung werden die unterschiedlich belichteten Stellen zu einer metallischen, mehr oder minder lichtundurchlässigen Silberschicht reduziert; die so entstandene Schwärzung des Films ist innerhalb gewisser Grenzen um so dichter, je kräftiger der Lichteinfall an dieser Stelle war.
Leider verläuft die Beziehung zwischen Lichteindruck und Schwärzung -- die Graduation -- nicht linear. Die Graduationskurve ist sowohl bei schwachen als auch bei sehr starken Lichteindrücken grkrümmt. Jeder Fotoamateur weiß ja, daß er gute Bilder nur bei richtiger Belichtung erhält, d. h. wenn er jeweils die von dem zu fotografierenden Objekt ausgehende Lichtmende der Empfindlichkeit der fotografischen Schicht durch richtige Wahl der Belichtungszeit anpaßt; sich, fachmännisch gesprochen, im geradlinigen Teil der Graduationskurve bewegt. Tut er es nicht, sind unbrauchbare, über- oder unterbelichtete Bilder die Folge. Ähnlich ist es auch hier, sogar noch schlimmer, da zu den rein fotografischen Nachteilen einer Über- oder Unterbelichtung noch ein akustischer hinzukommt; die Filmschwärzung ist in diesem Teil der Kurve nicht mehr dem Lichteindruck proportional, die Amplitude wird deformiert. Eine mehr oder minder unreine, kratzige Schallwiedergabe wär die Folge. Nun ist es aber leider so, daß aus Gründen der Lichtdurchlässigkeit des Positivfilmes es notwendig ist, in dem unteren, d. h. also dem gekrümmten, dem lichtdurchlässigsten Teil der Graduationskurve zu arbeiten. Ohne besondere Vorkehrungen im fotografischen Prozeß hätte dies, wie schon erwähnt, zu "Amplitudenverzerrungen", zu unreiner Wiedergabe, geführt.
Um diese Schwierigkeiten zu umgehen, wurde von Engl der Vorschlag gemacht, den Negativfilm beträchtlich überzuentwickeln, d. h. seine Gradationskurve in umgekehrter Richtung zu krümmen. Bei dem von diesem Negativ gewonnenen Positivfilm hoben sich dann die beiden gegensätzlich verlaufenden Krümmungen auf; ein annähernd gerader Verlauf der Gradationskurve im lichtdurchlässigsten Teil des Positivfilmes war die Folge. Durch diese Erfindung war eine der Hauptursachen der Entstehung von Schallverzerrungen im fotografischen Bereich beseitigt; sie wurde im deutschen Patent 389 598 vom 19. Juni 1922 unter Schutz gestellt und findet -- meinen Informationen nach -- bei allen Tonfilmen, die nach dem Sprossenschriftverfahren hergestellt sind, noch nach wie vor Anwendung.
Unter Hinweis auf die Abb. 15 sei der dem Laien nicht leicht verständliche Vorgang etwas näher erläutert.
Im oberen Schaubild zeigt die Linie b etwas übertrieben den unteren Bereich der Gradationskurve eines Positiv-Films. Man erkennt ihre starke Krümmung bei schwacher Belichtung. Praktisch bedeutet dies, daß in diesem Bereich bestimmten Lichteindrücken zu geringe schwärzungswerte entsprechen. Wünschenswert wäre der Verlauf der Gradation gemäß der punktierten Kurve a. Die Filmemulsion tut uns aber leider nicht diesen Gefallen. Das mittlere Bild zeigt bei einem Negativfilm die Zunahme der Schwärzung und den Verlauf der Gradationskurve in Abhängigkeit von der Entwicklung. Während die Kurve c bei normaler Entwicklungszeit erzielt wird, zeigt die durch längere Entwicklung des Negativfilms entstandene Kurve d im oberen Teil einen stark gekrümmten Verlauf, dergestalt, daß bei einem von diesem Negativfilm kopierten Positivfilm einem bestimmten Lichteindruckswert ein geringerer Durchlässigkeits- bzw. Schwärzungswert entspricht. Das untere Bild zeigt diese durch das Kopieren des überentwickelten Negativs auf dem normal zu entwickelnden Positivfilm entstandene, annähernd gerade, also unverzerrte Gradationskurve e. Durch diese Maßnahme, einen natürlichen Fehler des Positivfilmes durch eine gewollte Krümmung der Gradationskurve des Negativs zu kompensieren, wird die "Verzerrung" der Amplitude im fotografischen Bereich weitgehend vermieden. Vergleicht man den Verlauf der Gradationskurven b und e, wird der beebene, hier nur allgemein skizzierte Effekt, Proportionalität im Filmbereich herzustellen, besonders anschaulich.
Die Abbildung links von den Kurvenbildern zeigt einen Sensiometerstreifen, der der Reihe nach verschieden starke Lichteindrücke bzw. Durchlässigkeiten aufweist und sowohl als Positiv- wie Negativfilm- streifen hergestellt wurde. Vermittels dieser Streifen und zahlreicher Messungen ihrer Schwärzungs- bzw. Durchlässigkeitsintervalle wurde das oben geschilderte Verfahren der Überentwicklung des Negativs experimentell erprobt und in Vorschriften niedergelegt.
Die oben geschilderte spezielle Behandlung des Tonnegativs erforderte zwei getrennte Negative, ein Bild- und ein Tonnegativ. (Siehe Abb. 16.) Der fertige Film mußte aber aus Gründen der Synchronität und der Handhabung bei der Vorführung Ton und Bild auf einem Streifen aufweisen. Da der Bildteil ruckweise projiziert wird, während der Schallvorgang gleichmäßigen Ablauf beansprucht, mußten die zeitlich zusammengehörigen Bild- und Ton-Ereignisse um etwa 20 Bildlängen gegeneinander verschoben sein. Ohne diese Maßnahmen wäre eine Vorführung von Tonfilmen in üblicher Weise unmöglich. Dieses Verfahren ist Gegenstand des DRP 368 383 vom 15. April 1921.
Daß es notwendig war, für das Kopieren bzw. Zusammenkopieren des Bild- und Tonnegativs auf einen positiven "Bildtonfilm" besondere neuartige Kopiermaschinen zu entwickeln, sei nur der Vollständigkeit halber hier erwähnt.
(Deutsches Museum - Abhandlungen und Berichte - 32. Jahrgang 1964 - Heft2)
Mit freundlicher Genehmigung Deutsches Museum
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